grossenSchankun
[Das Unwissen der Zahlenhungrigen ist das Brot der Meinungsforscher]

Wahlprognosen sind

Zahlen-
Prostitution

[F. Ulmer]

Prof. Dr. F. Ulmer

"Wahlprognosen sind keine Orientierungshilfe, sondern bewußte Täuschung. Ergebnisse von Umfragen werden von Demoskopen abgeändert, weil sie diesen nicht trauen. Ihre Zahlen sind in Wirklichkeit Tipps, die als Umfrageresultate getarnt sind!"

Zwischen Umfragen und Wahlresultaten klaffen oft Welten, was nicht publik gemacht wird. Wegen der Auswirkungen auf das kommerzielle Umfragegeschäft können Meinungsforscher nicht eingestehen, dass sie ihren Umfrageergebnissen vor Wahlen nicht über den Weg trauen und sich für Prognosen auf ihr Bauchgefühl verlassen. Methodenbedingte Ungenauigkeiten werden so kaschiert und kommerziellen Auftraggebern Sand in die Augen gestreut. Es ist pervers, aber eine Tatsache, dass die relative politische Stabilität Deutschlands - von einer Wahl zur nächsten ändert sich meist wenig - zum "Leistungsnachweis" für die Meinungsforschungsindustrie umfunktioniert wurde.

Meinungsforscher reagieren auf diese Kritik allergisch. Mit einer Klage auf 500000 Mark Buße oder zwei Jahre Gefängnis sollte Statistik-Prof. Ulmer mundtot gemacht werden. Doch die Klägerin - die Prozentzahlen-Schmiede des ZDF-Politbarometers - blitzte 1997 vor dem LG und OLG Hamburg ab.

 

 

 

 

 

 

 

Mit der Sonntagsfrage "Wie würden Sie wählen, wenn am nächsten Sonntag Bundestagswahl wäre?" geben die Meinungsforscher vor, das Auf und Ab der Parteien zu verfolgen. Die publizierten Zahlen beinhalten aber nicht die aktuellen Umfrageresultate, denn diese sind methodenbedingt grossen Schwankungen unterworfen. Das wird vertuscht. Geschäftsgrundlage ist die bisherigen Stabilität. Das Strickmuster für Prognosen ist Kontinuität. Wahleresultate werden Pi mal Daumen fortgeschrieben und als neues Umfrageergebnis deklariert. Das Pferd wird buchstäblich am Schwanz aufgezäumt:

Anstatt den Ausgang der nächsten Wahlen
mit der aktuellen Umfrage vorauszusagen,
wird der Ausgang der aktuellen Umfrage
mit alten Wahlergebnissen vorausgesagt!

Die Fortschreibung führt dazu, dass Meinungsforscher weitgehend übereinstimmende Zahlen liefern. Doch der Schein trügt. Gerät die politische Landschaft unvermittelt in Bewegung, dann führt dies zu Fehlprognosen. Das geschah im Superwahljahr 2004 reihenweise und erreichte mit der Bundestagswahl 2005 einen ersten Höhepunkt.

Kurz vor der Bundestagswahl 2009 bekamen die Orakel kalte Füsse und hissten die weiße Fahne. Bettina Schausten im ZDF-Politbarometer und Jörg Schönenborn im ARD-DeutschlandTrend erklärten augenzwinkernd:

Vor der Landtagswahl in NRW am 9. Mai 2010 wurde das bekräftigt. Die neuen Zahlen seien zwar der letzte Schrei aus dem ZDF und der ARD, aber keine ernst zu nehmende Prognose. Der Wahlausgang - Verlust von 10% für die CDU - bestätigte dies einmal mehr. Ein solches Fanal war Rüttgers & Merkel in keiner Umfrage an die Wand gemalt worden.
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