Wahlprognosen in der Schweiz
Umfragen vor Wahlen und Abstimmungen werden vom Schweizer Fernsehen
seit Menschengedenken bei Claude Longchamp in Auftrag gegeben. Um den
überrissenen Forderungen des SF zu genügen, spielt er den
Gaukler, der auf einer Sonnenuhr Sekundenbruchteile abliest. Nicht auf
einem Jahrmarkt, sondern in der Tageschau und in 10vor10.
Die
beiden leben eine glückliche Symbiose. Longchamp benützt das
Schweizer Fernsehen als Megaphon und Goldgrube und er liefert ihm Feuerwerk
und Petarden in Wahlkampfzeiten. Wie er seine Zahlen fabriziert, ist
seit jeher sein Geheimnis. Das Schweizer Fernsehen fragt nicht danach.
Müsste er seine gesamten Datensätze offen legen, würde
für jedermann klar, was Insider schon lange wissen: Die im SF zur
Schau gestellten Zahlen sind primär Tipps, die als Umfrageergebnisse
getarnt sind. Longchamp digitalisiert sein Bauchgefühl, wie das
in der Branche seit Noelle-Neumann gang und gäbe ist.
Die Zeche für den Kuhhandel bezahlen jene, die
auf den Zahlenzauber herein fallen. Dazu gehört auch die Landesregierung.
Bundesrat Leuenberger führte im Nationalrat am 7.12.2009 aus:
"Auch der
Bundesrat hat im Fall der Minarett-Initiative die Differenz zwischen
Umfrage und Realität mit Erstaunen zur Kenntnis genommen und er
erachtet sie angesichts der Tragweite von Abstimmungs-Ergebnissen als
staatspolitisch gravierend".
Das Schweizer Fernsehen geniesst Programm-Autonomie
und es kann senden was es will. Da ist der Bundesrat machtlos. Aber
er könnte durchsetzen, dass Longchamp die unverfälschten Zahlen
(Rohdaten) offenlegen muss. Dann würde sich das Problem von selbst
erledigen.
Ursprünglich Historiker sattelte Longchamp in jungen
Jahren auf Wahlforschung um und gründete den Prozentzahlen-Hersteller
gfs.bern. Prognosen in der Schweiz sind reine Handarbeit, wobei die
Erfüllung der Wünsche des SF ein gerüttelt Mass an Selbstverleugnung
erfordert. So verlangte das SF im Spätsommer 2006 genauere Prognosen
von ihm, er solle Parteistärken mit einer Nachkommastelle "aufrüsten".
Ein Jahr zuvor hatte er die Verwendung von Promille für Parteistärken
in einem Bericht an das SF als Scharlatanerie abgetan. Doch er kapitulierte
und gab im Wahlbarometer 2007 die Parteistärken neu auf
Promille genau an, um, wie er sich gewunden
ausdrückte, "dem
ausdrücklichen Wunsch des SF" Folge
zu leisten. Dabei beziffert der gelernte Historiker
den statistischen Fehler selber auf +/-
2,2 Prozent, ein Statistiker kommt auf das Doppelte
(+/- 4 Prozent).
